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Doppelt fremd vertraut

Mein Nachname ist der Vorname meines Vaters, mein Vorname der Nachnahme meines Kindes
Gan-Erdene Tsend

doppelt fremd vertraut

Landschaften – weite, ferne, fremde, ungekannte… Endlosigkeiten und Unnahbarkeiten… Verlorenheiten und Einsamkeiten… Hohe, nahe Himmel und tiefe Horizonte sowie flache, weite Himmel und nie zum Greifen nahe Horizonte… Eingefasste Wolkenfelder und zu ihnen strebende Erd-Äther-Ungrenzen - untrennbar ineinander übergehende Streifenvermittlung zwischen Erde und Luft… 360 Grad Flachheit, immer eine von Bildrand zu Bildrand sich erstreckende, wenn auch ab und an „nur“ zu imaginierende Horizontlinie… Rundum Fläche, den Betrachter stets in die Mitte eines Kreises verortende Unbehaustheit… Einöden, Verhaltenheiten, Ruhen, Stillen, Verträumtheiten, Unwirtlichkeiten und Harmonien in Monotonieen… Monochromieen, Eintönigkeiten, Gleichförmigkeiten und sfumato-verwobene Ineins von Uneinheitlichem…

Nur vereinzelt ein Point de Vue – mal eine Person, mal ein Pferd, mal ein enges Zusammen vieler Pferde, sogar mal ein Holzbau, mal ein sich verlierender Weg, mal ein entrückter Gebirgszug, mal ein flaches Wasser, eine Pfütze, ein in ihr Angelnder. Feuchte Trockenheiten, die Perversion eines Verbotsschildes in der Mitte eines Nirgendwos,… Bewegtheiten mögen sich ereignen, doch vorscheinende Unbewegheit überschleiert diese. Die Anfangsszene aus Roman Polanskis „Wenn Katelbach kommt“ (Cul de Sac) spiegelt sich ein. Warten, warten, warten, warten, warten – am Ende der Strasse, dort, wo sich ihre linke und rechte Begrenzungslinie ihren Berührungen annähern, am Horizont, scheint sich etwas zu bewegen. Handlungen wirken so entschleunigt. Kommunikation schleicht sich wortlos, nonverbal, geräuschlos, pianissimo vonstatten. Unaufgeregtheit flächentief…

Und dann Irritationen im Eingesehenen, im alsbald - aufgrund von Bildgewohntem - schon vermeintlich Gewohnten: Spiegelungen von Zweien, obschon nur einer sich spiegelt – Spiegelungen von einer, gleichwohl zwei da sind. Fest sitzend Fliegende im endlosen Raum, Gefestigheit im freien Fall, Sich-Bewegende – alleine bei sich, in sich ruhend… Fata morganen gleiche Rückspiegelungen, die unnahbare Fernen in noch weitere Fernen entrücken…

Gan-Erdene Tsend malt solche Gesichte, solche Visionen, die nur als solche zu bezeichnen sind, weil zumindest mir die Erfahrungen fehlen, sie als Gesehenes, als irgendwo wahr Genommenes, als Wahres zu verstehen. Das bildlich Vorgestellte ist nicht als außerbildlich zu Kennendes wiederzuerkennen. Mangels Erfahrung ist nicht zu behaupten, dass es zu den Bildern andernorts Vor-Bilder gibt, dass es zu den Motiven für den Bildbetrachter entsprechende Motive für den Maler gegeben hat. Realitäten scheinen so vorgestellt, die „nur“ gleichsam als Surrealitäten zu verifizieren sind. Folglich sind eigentlich nur außerbildliche Irrealitäten zu behaupten, solche, die allein in den Bildern Realität geworden sind.

Es sind „Unrealitäten“, um den Begriff einzuführen, der sich in Gan-Erdene Tsends Wortschatz eingenistet hat. Mithin werden wir auch fortan von Unrealitäten in seinen Bildern zu sprechen haben. Sie sollen, so der Künstler, seine Kindheitserinnerungen, seine Rückblicke an ferne und lang zurückliegende Erfahrungen und Nach-Träume in seine Bildwelten spiegeln. Fakten und Dinge und Gedanken und Phantasien werden so Bilder. Sein Leben spiegelt sich folglich in seine Bilder so ein, wie sich Vorstellungen in Erfahrungen einspiegeln können: kaum unterscheidend zwischen Gewesenem und daraufhin Erträumtem. Der Maler selber sagt, dass die Unrealitäten „zu mir gekommen sind“.

Diese gleichsam abstrakte Komplexität muss immer mitgedacht werden, will man sich dem vertraut Fremden in diesen Bildern nähern. „Gedanken haben eine eigene Realität“ sagt Gan-Erdene Tsend. Darum wohl auch wirken die Bilder nicht unvertraut, aber doch immer auch befremdlich unkennbar. Der Betrachter sieht sich in seine Bilder ein, doch fehlen ihm (selbstverständlich auch ihm) eben die Erfahrungen vom Dargestellten, um in Erinnerungen, um im Kennbarem rückzubindende Sicherheiten über das bildlich zu Sehende zu erlangen. Sie bleiben mithin Bilder, obgleich sie vordergründig sehr wohl vorgeben, auch Abbilder sein zu können.

Über das Fremde der Motive zu sprechen sei fortan Geografen, Ethnologen und Reiseschriftstellern überantwortet. Hier soll interessieren, wie im vermeintlich Gesicherten von Darstellungen das Abstrakte des Bildlichen in Bildern zum Aufscheinen kommt. Dazu sei es empfohlen, Abstraktion nicht nur als die Reduktion von Gegenständlichkeit hin zu reinen Bildformen zu verstehen, sondern vor allem als das Zu-Denkende, zu dem es keine dingliche, keine gegenständliche und folglich auch keine sichtbare Entsprechung gibt.

Die Mongolei ist zumindest dem Schreiber dieser Zeilen eine terra incognita. Jedwede Vorstellung von ihr ist ihm eine medial Vermittelte. Keine Verifikation der Bildweltlichkeit mit einer Außerbildwirklichkeit dort ist ihm möglich. Jedes Bild ist für ihn nur als Bild zu sehen. Er weiß vom Maler, dass dieser bis zum sechsten Lebensjahr als Nomadenjunge durch die Wüsten gezogen ist. Vier Mal im Jahr zog er mit seiner Vier-Generationen-Familie und mit ihren Kamelen, Schafen, Rindern und Ziegen weiter mit Jurten durch die Wüste Gobi. Man lebte von Tauschgeschäften. Im Sommer wurden es windig-schattenlose 20 Grad plus, im Winter baute man sich festere Bleiben, um die minus 40 Grad überleben zu können.

Aus dieser Welt stammen die Bilder Gan-Erdene Tsends. Sie stellen Fremde vor und wirken dennoch nicht unvertraut. Aus der Bilderwelt der Kunst sind wir es gewohnt, vorgestellter Fremde bildlich vertraut zu begegnen. Und dieses Phänomen ist begründet. Denn der Kanon der gelehrten Geschichte von Kunst in der Mongolei umfasst auch die Werke der Russischen Wandermaler wie die der Europäischen Kunst, umfasst Ilja Repins Bilder und auch die Kunst Albrecht Dürers, umfasst die Sensationen des „Blauen Reiter“ und die der „Brücke“.

Dieses Wissen um die Kunst aus Deutschland und Europa motivierte Gan-Erdene Tsend, aus Ulan Bator nach Münster zu ziehen. So mag es auch erklärbar sein, warum uns die Bilder Gan-Erdene Tsends vertraut fremd daherkommen. Vertraut, weil sie den zeitlos ihrer Motivwelten entlehnten Bildauffassungen von Landschaft beispielsweise eines Jan van Goyens (oder auch denen des noch älteren Piero della Francescas, Caspar David Friedrichs oder im 20. Jahrhundert eines Balthus) nicht unähnlich sind, und so fremd, weil die historisch entfernten Motivwelten des Niederländers aus dem 17. Jahrhundert mit den geografisch fernen des Mongolen korrespondieren.

Für den Maler aus der Mongolei ist Malerei, ist Kunst, ein - wenn nicht sogar: das - Lebensmittel. Malen ist existentiell. Hermann Josef Kuhna, sein aus Düsseldorf stammender Lehrer in Deutschland, unterstützte ihn in diesem Essential künstlerischer Existenz. Dessen gegenstandlose Bildwelten suggerieren bildliche, Gan-Erdene Tsends gedankliche Ferne. Jedweder kunstbetrieblich-manifestiert ästhetische Imperativ wäre hierbei folglich nur delikat. Ihm verweigert sich Gan-Erdene Tsend auch fundamental. Selbst wenn er installativ arbeitet, wenn er Hufeisen klingen lässt oder skulptural fasst, ist jedes Jota aus seiner Person heraus sinnaufgeladen. Sich auszudrücken, sich mitzuteilen, sich zu äußern, ja: sich zu entäußern, seine Sichten freizugeben, sich mit seinen Gesichten zu entblößen und dies uns zu zeigen – wo, wenn nicht in der Kunst ist Raum für all das? Gan-Erdene Tsend unternimmt dies – und das unentfremdet. Seine Bilderwelten wirken so gesehen vertraut und sind gleichwohl doppelt fremd: historisch und geografisch – darin liegt ihre Aktualität: sie vertrauen auf der zukunftsbasierten Zeitlosigkeit von Kunst.

Prof. Dr. Raimund Stecker
(Lehrt Kunstwissenschaft an der HBK, Essen)

About my paintings | Über meine Malerei

The art of Gan-Erdene Tsend leads us into a world that generates in its intensity and powerfulness an indescribable inner greatness and a ceremonial monumentality. It opens us a world which hides always in itself something mysterious, something quietly asking, a world, which shows an almost divine truth. Its magic strength and fascinating expressive power creates the artist through a bipolar duality that underlies all his compositions and that can come to light inherently in both in terms of content and pictorial disposition. Arise from the base of this bipolar conception his pictures reflect an inner, spiritual world of experience, in which he discusses the universal and existential questions of mankind such as love and separation, war and peace, birth and death. The opposition of these two worlds, the outer and the inner one, in one work offers Gan-Erdene Tsend the opportunity to project thoughts and feelings onto the canvas. The invisible is manifested in the visible. Thereby, his paintings are animated by an almost internalized charisma and you can feel that they – like the artist says himself »come from the heart.«

The art of Gan Edene Tsend is always a reflection of his own experiences of life, which he uses in his works in different ways. Far away from his home particularly his childhood determine his pictorial work. Born in 1979 in Mongolian Moron, Gan Edene Tsend spent his early years in the mountains and in the wide steppes next to the Gobi Desert. Amidst this almighty nature, he lived the traditional nomadic life of the Mongols, ranged on horseback the endless vastness of Mongolia and absorbed with his eyes the changing light and the color play in the nature. He grew up with his grandparents in the typical felt yurts and there, listened to the wondrous stories and fantastic tales and fables of his grandmother. All these impressions of his childhood have left a deep mark in him and they are now reflected in one way or another in his art. Another important turning point in the artist‘s life is his move to Germany. After his studies at the Institute of Fine Arts in the capital, Ulaanbaatar, Gan-Erdene Tsend attended the Art Academy in Münster from 2003 to 2010, and since 2007 the master class of Prof. Hermann-Josef Kuhna. Today, the artist can look back on many exhibitions at home and abroad. First appreciation he learned 2006 when he attained the prize for Young Art of Herne and 2012, when he was awarded the Art Prize Wesseling experiencing European-wide interest. The brief biographical overview demonstrates very clearly, that the artist‘s life is also influenced by the encounter of two different worlds, too. So, life in Mongolia is different in many ways from that in Germany, where the young artists, used to live in a small social and familiar nomadic community, meets a rather anonymous urban society. The boundless natural environment of his homeland is facing the partly heavily spoiled cultural landscape of Germany, where the young artists, used to live in a small social and familiar nomadic community, meets a rather anonymous urban society. The deep love of nature, rooted in him since his childhood, encounters the natural alienation of the Germans. The craftsmanship, the pictorial skills and the theoretical knowledge, all learned during his studies in Mongolia, acquires at the Academy in Münster a before unknown encouragement of his creative freedom and gives him the opportunity for his artistic development. As in an act of release, these experiences are expressed in his art in a grown boldness and in a freer handling of the traditional pictorial conceptions. These multiple encounters with foreign parts as well as the separation of his homeland produced on Gan-Erdene Tsend a self-reflection and he started to think about himself, his own life and his own origins. In the painting »TWO WORLDS« alone the title of the picture speaks about this idea. A young man sits on a beam and looks through a window over the impressive skyline of New York. In a puddle of water below him appears beside his own reflection a young woman facing directly the viewer. The three pictorial poles – the young man, the city panorama and the couple in the mirror image – are set in a multilayer correlation system which discloses the complexity of different origin, of other countries and cultures, of longing, love and separation, of intimate togetherness and loss in its full consequences. For Gan-Erdene Tsend this encounter of the »Two Worlds«, the Mongolian and the German, means the discovery and renewed appreciation of the Mongolian Nature and its laws. As a result, the depiction of nature and the life in it becomes the central subject of his art. On the one hand, Tsend draw on the German alienation from nature, just as he has experienced it himself there, to create pure, deserted landscapes, whose dignity and the depicted divine omnipotence of nature offers the viewer a balance to urban living and a place of refuge. On the other hand, he conceives landscapes whose opposition of nature and the people and animals living in it articulates political and social statements. Another important issue in the oeuvre of Gan-Erdene Tsend is his so-called ›reflection‹. Based on the divergence between the actual pictorial image and the mirror scene – depicted in the picture – he relates to each other two different levels of reality, a real and an imagined. But, in the mirror image appears always a creature – a person or an animal – which is missing in the depicted pictorial reality.

Dr. Dagmar Thesing